Nudge: Kleiner Anstoß – Große Wirkung

Veröffentlicht am 17. May 2020

Julian Schwarz

Wir treffen Tag für Tag abertausende Entscheidungen. Natürlich sind davon einige bewusst getroffen – beim einen mehr, beim anderen weniger -, aber die meisten geschehen unbewusst; sei es aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit. Dadurch nehmen wir häufig Optionen wahr, die wir besseren Gewissens gar nicht wahrnehmen wollten, oder unterlassen Dinge, von denen wir überzeugt sind, dass sie uns eigentlich guttun würden. Was wäre also, wenn es eine Technik gäbe, die einem den hin und wieder nötigen Schubser in die richtige Richtung ermöglicht?

 

Menschliches Verhalten – berechenbar irrational

Der oftmals liebevoll als Pate der Verhaltensökonomie bezeichnete Psychologe Daniel Kahneman zeigte mit seinem 2011 veröffentlichten Buch ‚Schnelles denken, langsames denken’ auf, dass wir alle zur Irrationalität neigen und den Großteil unseres Alltags im Autopilot-Modus verbringen. Dies bedeutet, dass wir die meisten Entscheidungen unterbewusst treffen, indem wir Informationen schnell abgreifen und sie durch einen Filter der Erfahrung, Gewohnheit sowie Stereotypisierung laufen lassen.

Durch seine Forschungen wurde Kahneman als erstem Psychologen der Nobelpreis für Wirtschaft verliehen - Die gleiche Würdigung, die auch der Ökonom und Verhaltensforscher Richard R. Thaler vor drei Jahren erhielt. Gemeinsam mit dem Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein baute Thaler in dem Buch ‚Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt’ auf den Erkenntnissen Kahnemans auf und stellte fest, dass unser Entscheidungsverhalten zwar von Irrationalität geprägt ist, jedoch selbst diese Abweichungen berechenbaren Regelmäßigkeiten folgen.

 

Was ist ein Nudge?

Wir Menschen denken also häufig in vorgestalteten Mustern, die häufig zu logischen Irrtümern und fehlerhaften Entscheidungen führen. Diese Erkenntnis ist nicht sonderlich neu. Was also nützt uns eine Berechenbarkeit in diesem Verhalten? Genau hier kommt der ‚Nudge’ (zu deutsch: Anstoß, Schubser, Stupser) ins Spiel.

„A nudge is any small feature in the environment that attracts our attention and alters our behaviour.” – Richard H. Thaler

Ein Nudge ist eine Technik, mit der man das Verhalten von Personen auf subtile Weise in eine bestimmte Richtung lenken kann. Es wird also eine Entscheidungshilfe sowie mögliche Verhaltensänderung angestrebt, die wir im UX-Kontext auch vom Behavioural Design kennen. Subtil deswegen, weil ein solcher ‚Stupser’ keine klare Aufforderung oder Verhaltensbeschränkung darstellt, sondern die freie Entscheidung weiterhin der Person bzw. Gruppe überlassen wird.

Mit einem Nudge soll man also nicht gezwungen werden etwas zu tun, sondern schlichtweg eine Option aufgezeigt werden, die ansonsten womöglich gar nicht von uns wahrgenommen würde. Ein praktisches Beispiel hierfür sind die erstmals in einer Stockholmer U-Bahn-Station eingeführten Klaviertreppen, die heutzutage in vielen Metropolen anzutreffen sind. Um die Menschen zu ermutigen, lieber die Treppe anstatt der Rolltreppe zu nutzen, wurden die Stufen in funktionierende Klaviertasten umgewandelt. Eine einfache Umgestaltung, die zu mehr Bewegung durch Spaß führt.

Und hier sind wir auch schon bei einem weiteren wichtigen Punkt für Nudges: Ein Nudge soll nach Thaler unser Vehalten in eine bessere, gesündere und effizientere Richtung lenken. Man könnte auch sagen; in eine hygienischere Richtung. Denn eines der beliebtesten Beispiele für Nudging ist die ‚Fliege im Urinal’, welches zumindest allen Männern bekannt sein sollte. Im Amsterdamer Flughafen Schiphol wurden Ende der 90er Männer mit einem simplen Trick zu reinlicherem Verhalten erzogen – Ein Bild einer Fliege im Urinal, auf welches gezielt werden konnte.

 

Choice Architecture – Wer stupst an?

Wenn ein Nudge wie in den Beispielen zu mehr Hygiene oder mehr Bewegung führt, liegen die Vorteile auf der Hand. Aber wer entscheidet was das bessere oder gar richtige Verhalten ist? Eine wichtige Frage, die der Nudge Theory auch seine Kritiker einbrachte. Vor allem in der Politik wird vom Nudging immer mehr Gebrauch gemacht. So führte US-Präsident Obama während seiner Amtszeit sogar eine eigene Nudge Unit ein und auch hierzulande wird heiß über das politische Anschubsen diskutiert.

Vor allem beim Thema Organspende sieht man, dass Nudging nicht gleich Nudging ist. In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung: Wer Organspender sein will, muss dies beantragen. In anderen Ländern gibt es u.a. eine Widerspruchslösung, die auch bei vielen unserer Politikern mitsamt Gesundheitsminister Jens Spahn auf Anklang stößt. Diese sieht vor, dass jeder automatisch Organspender ist, außer man will es nicht sein.

Diese Umkehrung des Gesetzes wurde von den meisten Medien als Manipulation und Zwang betitelt. Also all das, was ein Nudge eigentlich nicht sein sollte. Faktisch bleibt die Entscheidung jedem Einzelnen selbst überlassen, es wird nur der Standard bzw. die Ausgangslage verändert. Da dies aber im Gewand eines Gesetzes daherkommt, ist der Vorwurf des Zwangs nicht unberechtigt und zeigt, dass die Trennlinien beim Nudging noch klarer gezogen werden müssen.

„A nudge [...] is any aspect of the choice architecture that alters people’s behavior in a predictable way without forbidding any options or significantly changing their economic incentives.“ - Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness

Im Buch beschreiben die Autoren, dass die Wahlfreiheit immer gegeben sein muss. Somit fallen Verordnungen oder Gesetze (Strafen, Subventionen, Steuern) nicht unter Nudging. Ein Gesetz auf Basis der Wahlfreiheit vermischt eben diese Voraussetzungen, die sich normalerweise ausschließen müssten. Deshalb sollte Nudging immer in erster Linie eine ermutigende Komponente mit sich bringen.

In diesem Fall wird bei dem Beispiel unserer britischen Nachbarn deutlich, wie durch entsprechende Effekte die Motivation im konkreten Kontext genutzt werden kann. Deren Gesundheitsbehörden haben mit einem kleinen Kniff dafür gesorgt, dass sich mehr Menschen zur Organspende entschließen. Als die Bürger online ihre Kfz-Steuer erneuert haben, erschien nach Beendigung eine Dankeschön-Seite mit der Frage, ob Sie dem Organspenderregister beitreten wollen. Dazu war ein Bild einer glücklichen Menschengruppe und Sätze wie: „Jeden Tag entscheiden sich Tausende Menschen, die diese Seite sehen, sich zu registrieren.“ zu lesen. Kein Gesetz; nur eine Frage, ein positives Bild und ein ermutigender Satz.

 

Nudging im Unternehmen

Auch im Marketing wird Nudging ein immer höherer Stellenwert beigemessen. Doch auch hier wird die Trennlinie nicht klar gezogen. Ist es in der Politik ein verkapptes Gesetz oder gar Zwang, welcher mit dem Ursprungsgedanken des Nudgings zusammenprallt, ist es im Marketing häufig ein Missbrauch in Richtung Manipulation. Wenn ein Hersteller ein Produkt mit dem Zusatz „Limitiert! Nur 3 Stück pro Kunde!“ versieht, funktioniert dieser einfache Trick zumeist. Jedoch ist dies kein Stoßen hin zur ‚richtigen Entscheidung’.

Ein Nudge sollte immer einen positiven Effekt erzeugen, der uns allen bewusst ist, aber schlichtweg in userem Entscheidungsalltag untergeht. So sollte eine Kantine natürlich immer eine ausreichende Auswahl von Speisen bieten. Nun wissen wir alle, dass es gesundes und eben nicht soo gesundes Essen gibt. Warum also nicht das gesunde Essen so platzieren, dass es schneller ins Auge fällt und vielleicht sogar etwas appetitlicher angerichtet ist?

Oder wie wäre es, an die Kaffeemaschine ein Trivia-Quiz zu koppeln, welches startet, wenn man den Wasserbehälter auffüllt? Die Kollegen werden sich nicht nur über die Abwechslung freuen, sondern auch über den kontinuierlichen Kaffeefluss. Oder was, wenn wieder mal die üblichen Verdächtigen nicht am Weiterbildungsprogramm teilnehmen wollen? Man wird überrascht sein zu welchen Teilnehmerzahlen ein einfaches „Die meisten von uns haben das Trainingsprogramm bereits abgeschlossen. Mach doch auch mit.“ führen wird.

 

Nudges für Innovation und eine bessere UX

Im User-Experience Bereich können uns die Erkenntnisse rund um Nudges in vielerlei Hinsicht unterstützen. Eine bessere Nutzererfahrung geht schließlich mit einem klaren Verständnis für die Nutzer einher. Durch Behavioural Design in Kombination mit dem Aufbrechen sowie Optimieren von UI Patterns kann dieses Verständnis noch weiter vertieft und das Nutzerverhalten verbessert werden.

Gleichzeitig hilft das Implementieren von subtilen Anschubsern sowohl beim Ermutigen der Mitarbeiter proaktiv zu handeln als auch beim Challengen etablierter Prozesse sowie der Ideenfindung, die u.a. im Design Thinking zu bewussteren Entscheidungen führen. Denn wenn man versteht, warum Nutzer handeln, wie sie eben handeln, kann man auch einfacher Maßnahmen ergreifen, um die Entscheidungsfindung zu vereinfachen und mit minimalen Veränderungen größtmögliche Innovation hervorzurufen.

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